44 Prozent der 18- bis 24-Jährigen in Deutschland nennen soziale Medien 2026 ihre wichtigste Nachrichtenquelle, 2013 waren es 2 Prozent. Die Forschung zeichnet dabei ein genaueres Bild als der Satz „Der Algorithmus radikalisiert“: Große Experimente fanden keine Belege, dass Feeds extreme Parteien stärker verstärken als gemäßigte, wohl aber, dass sie Zeit binden und Inhalte nach Reaktion sortieren. Aus meiner Sicht liegt die Gefahr in dieser Kombination aus Zeit, Zugehörigkeit und immer gleicher Bestätigung.
Stand: 27. September 2026.
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Soziale Medien als Nachrichtenquelle: was die Zahlen zeigen
Der Reuters Institute Digital News Report 2026, den das Hans-Bredow-Institut für Deutschland auswertet, zeigt die Verschiebung deutlich. 36 Prozent der erwachsenen Internetnutzer kommen in einer normalen Woche über soziale Medien mit Nachrichten in Kontakt. Für 18 Prozent sind sie die wichtigste Nachrichtenquelle, ein neuer Höchststand. Bei den 18- bis 24-Jährigen sind es 44 Prozent, nach 35 Prozent 2024 und 34 Prozent 2025. Für 17 Prozent der Jüngsten sind soziale Medien sogar die einzige Quelle, über die sie Nachrichten erreichen.

Das ist zunächst keine schlechte Nachricht, und es ist auch kein reines Jugendphänomen. Auch auf Instagram, YouTube und TikTok gibt es seriöse Nachrichten. Es heißt aber, dass nicht mehr eine Redaktion entscheidet, was ein junger Mensch am Morgen sieht, sondern eine Sortierung, die auf Verweildauer optimiert ist.
Ein Widerspruch: Man nutzt, was man nicht vertraut
Bemerkenswert ist ein Befund aus demselben Bericht. Nur 13 Prozent der erwachsenen Onliner vertrauen Nachrichten in sozialen Medien meist, bei Suchmaschinen sind es 24 Prozent, bei Nachrichten allgemein 46 Prozent. Trotzdem wächst die Nutzung. Bei den 18- bis 24-Jährigen nutzen 85 Prozent Instagram, 52 Prozent auch für Nachrichten. Die Menschen wissen also, dass sie dort nicht die verlässlichste Quelle vor sich haben, und bleiben trotzdem. Das spricht für Gewohnheit und Bequemlichkeit, nicht für Überzeugung, und es zeigt, wie stark die Bindung an die Plattform ist. Wer die Nachrichtenkompetenz Jüngerer stärken will, muss dort ansetzen, wo sie sich tatsächlich informieren, statt ihnen Kanäle zu empfehlen, die sie nicht mehr öffnen.
Was Algorithmen tatsächlich verstärken: die Studienlage
Die öffentliche Debatte ist oft schneller als die Forschung. Drei große Studien lohnen einen genauen Blick, weil sie nicht auf Umfragen beruhen, sondern auf Experimenten mit echten Nutzern oder Bots.
| Studie | Plattform und Methode | Befund |
|---|---|---|
| Huszár u. a., PNAS 2022 | Twitter, Kontrollgruppe von fast 2 Millionen täglich aktiven Konten mit chronologischem Feed | In sechs von sieben Ländern verstärkte der Algorithmus die gemäßigte Rechte stärker als die gemäßigte Linke. Keine Belege, dass er Parteien am Rand stärker verstärkt als gemäßigte. |
| Guess u. a., Science 2023 | Facebook und Instagram, US-Wahl 2020, Nutzer auf chronologischen Feed umgestellt | Weniger Zeit auf der Plattform, mehr politische und mehr unzuverlässige Inhalte, aber keine messbare Änderung der Polarisierung in drei Monaten. |
| Hosseinmardi u. a., PNAS 2024 | YouTube, Bots, die echte Nutzer nachahmen, gegen Bots, die nur den Empfehlungen folgen | Wer nur den Empfehlungen folgt, konsumiert im Schnitt weniger parteiische Inhalte, besonders bei starken Nutzern parteiischer Inhalte. |
Die Originale sind öffentlich: die Twitter-Studie von Huszár und Kollegen, das Facebook-Experiment von Guess und Kollegen und die YouTube-Studie von Hosseinmardi und Kollegen. Zusammen widerlegen sie die einfache These, ein Algorithmus schiebe jeden automatisch nach außen. Sie zeigen aber auch, dass Algorithmen die Aufmerksamkeit binden: Ohne sie verbrachten die Nutzer deutlich weniger Zeit auf den Plattformen.
Rabbit Hole: warum es sich trotzdem so anfühlt
Meine eigene Erfahrung passt trotzdem zu dem, was viele beschreiben. Soziale Medien sind ein Zeitfresser. Jeder Klick bringt etwas Ähnliches, nur etwas zugespitzter, und nach einer halben Stunde ist man in einem Kaninchenbau, in den man nie hineinwollte. Das gilt bei allen Themen, bei Ernährung, Finanzen, Krypto oder Erziehung, und in der Politik für alle Richtungen, nicht nur für rechts. Die AfD bespielt die Plattformen allerdings besonders gut.
Die Studien und dieser Eindruck widersprechen sich weniger, als es scheint. Ein Algorithmus muss niemanden radikalisieren, um Blasen zu bauen. Es reicht, dass er zeigt, was einen schon interessiert, und dass man selbst Kanälen folgt, die einen bestätigen. Am Ende steht bei manchen Menschen das Gefühl, dass die eigene Meinung und die Meinung der eigenen Blase die einzig richtige ist. Dazu kommen Isolation und, bei vielen Jüngeren, depressive Stimmungen, wenn der Bildschirm das Gespräch ersetzt.
Zugehörigkeit und Wirksamkeit: was neue Bewegungen versprechen
Menschen wollen dazugehören, und sie wollen wirksam sein. Beides liefern soziale Medien sofort: ein Like, eine Gruppe, eine gemeinsame Empörung. Neue Bewegungen nutzen das mit einem einfachen Versprechen: „Wir sind die Revolution.“ Wer sich im Alltag nicht gehört fühlt, findet dort eine Rolle. Warum sich so viele Menschen von der politischen Mitte im Stich gelassen fühlen, habe ich in Unzufriedenheit mit der Politik beschrieben. Soziale Medien erzeugen diese Unzufriedenheit nicht, aber sie verstärken sie und geben ihr eine Bühne.
Was Politik und Plattformen tun können
Ein Hebel ist schon da. Nach Artikel 38 des Digital Services Act müssen sehr große Plattformen für ihre Empfehlungssysteme mindestens eine Option anbieten, die nicht auf Profiling beruht. Im Alltag ist diese Option oft nicht leicht zu finden. Ich würde verlangen, dass sie mit einem Tipp erreichbar ist und dass Plattformen offenlegen, wie viele Nutzer sie verwenden. Für Erwachsene halte ich Verbote für den falschen Weg. Transparenz und echte Wahlmöglichkeiten sind der richtige.
Bei Kindern und Jugendlichen geht die Debatte gerade einen Schritt weiter. Die Expertenkommission „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“ hat Bundesbildungs- und Familienministerin Karin Prien im Juni 2026 56 Handlungsempfehlungen übergeben. Prien hält eine gesetzliche Altersgrenze von 13 Jahren für die eigenständige Nutzung sozialer Medien für den richtigen Weg, verbunden mit einer wirksamen Altersprüfung und abgestuftem Schutz bis 18, und verlangt von den Anbietern Sicherheit von Anfang an, „Safety by design“. Die EU-Kommission hat am 17. September 2026 den Entwurf eines EU KIDS Act vorgelegt: Unter 13 Jahren sollen Kinder keinen Zugang zu sozialen Netzwerken haben, ein eigenes Konto soll es EU-weit erst ab 15 geben, und die Plattformen sollen nachweisen, dass ihre Dienste altersgerecht und sicher gestaltet sind. Beides setzt an derselben Stelle an wie die Studien oben: nicht am einzelnen Beitrag, sondern an der Gestaltung der Plattform.
Warum das Gründer und Unternehmen betrifft
Für Unternehmer ist das kein Randthema der Politik. Wer heute Mitarbeiter sucht, Kunden gewinnt oder Investoren überzeugt, trifft auf Menschen, deren Bild von Wirtschaft, Steuern und Unternehmertum zu einem großen Teil aus Feeds stammt. Dort haben zugespitzte Geschichten über gierige Firmen oder über den Staat als Feind mehr Reichweite als eine nüchterne Erklärung, wie eine GmbH ihre Löhne finanziert. Ich halte es deshalb für eine Aufgabe von Unternehmern, selbst zu erklären, wie ihr Alltag aussieht, sachlich und mit Zahlen. Dieser Blog ist mein Versuch dazu. Dazu gehört auch, offen zu zeigen, wo es mit dem Staat hakt, etwa bei fehlerhaften Bescheiden, die man erst per Einspruch korrigieren muss, oder bei der Frage, wer ein Finanzamt eigentlich kontrolliert. Das beantworte ich in Wie arbeitet ein Finanzamt, und wer kontrolliert es. Sachliche Kritik ist das beste Gegengift gegen die zugespitzte.
Was ich daraus für mich und als Unternehmer mache
Ich lese Nachrichten bewusst dort, wo eine Redaktion auswählt, und ich schaue politische Sendungen, in denen Menschen mit unterschiedlichen Positionen am selben Tisch sitzen. Das habe ich im Auftakt dieser Serie, Unternehmer und Politik, empfohlen. Als Unternehmer gilt für mich dieselbe Regel: Eine Firma, die ihre Kunden nur über algorithmische Feeds erreicht, ist von deren Sortierung abhängig. Eigene Kanäle wie ein Newsletter oder ein Blog sind Unabhängigkeit.
Häufige Fragen
Radikalisieren Algorithmen in sozialen Medien?
Die großen Experimente finden dafür keinen einfachen Beleg. Twitter verstärkte Parteien am Rand nicht stärker als gemäßigte, und ein chronologischer Feed auf Facebook änderte die Polarisierung nicht messbar. Algorithmen binden aber Zeit und sortieren nach Reaktionen, was Blasen begünstigt.
Wie viele junge Menschen informieren sich über soziale Medien?
Laut Digital News Report 2026 sind soziale Medien für 44 Prozent der 18- bis 24-Jährigen in Deutschland die wichtigste Nachrichtenquelle. Für 17 Prozent sind sie die einzige.
Was plant die EU bei Altersgrenzen für soziale Medien?
Die EU-Kommission hat am 17. September 2026 einen EU KIDS Act vorgeschlagen. Kinder unter 13 Jahren sollen danach keinen Zugang zu sozialen Netzwerken haben, ein eigenes Konto soll es erst ab 15 geben. In Deutschland hält Bundesbildungs- und Familienministerin Karin Prien eine Altersgrenze von 13 Jahren mit wirksamer Altersprüfung für den richtigen Weg.
Was ist ein Rabbit Hole in sozialen Medien?
So nennt man den Effekt, dass Empfehlungen immer mehr vom Gleichen zeigen, oft etwas zugespitzter, bis man viel Zeit in einem einzigen Thema oder einer einzigen Sichtweise verbracht hat.
Kann ich den Algorithmus auf Instagram oder TikTok abschalten?
Sehr große Plattformen müssen nach Artikel 38 des Digital Services Act mindestens eine Option anbieten, die nicht auf Profiling beruht, etwa einen chronologischen oder nicht personalisierten Feed. Wo sie zu finden ist, unterscheidet sich je App.
Wird nur rechte Politik in sozialen Medien verstärkt?
Nein. Der Effekt, dass Inhalte nach Reaktion sortiert werden, betrifft alle Themen und Richtungen. Die Twitter-Studie von 2022 fand allerdings, dass die gemäßigte Rechte in sechs von sieben Ländern stärker verstärkt wurde als die gemäßigte Linke.
Herzlich,
Euer Dennis Weidner
Hinweis: Beim Schreiben dieses Beitrags haben mich KI-Werkzeuge unterstützt, einzelne Bilder sind mit KI bearbeitet. Für Inhalt und Aussagen stehe ich mit meinem Namen.





