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August Hanning: Was über den Spionageverdacht bekannt ist

August Hanning: Was über den Spionageverdacht bekannt ist

Der frühere BND-Präsident August Hanning ist am 6. Oktober 2026 festgenommen worden und sitzt in Untersuchungshaft. Die Bundesanwaltschaft wirft ihm unter anderem versuchten Landesverrat und geheimdienstliche Agententätigkeit vor. Sein früherer Büroleiter Manfred D. soll ihm von 2010 bis Juni 2022 gegen Bezahlung annähernd 2.000 Dokumente aus dem Bundesnachrichtendienst überlassen haben. Angeklagt ist bisher keiner der beiden, für beide gilt die Unschuldsvermutung. Hier steht, was belegt ist und was offen bleibt, wie der BND aufgebaut ist und wer ihn kontrolliert, und warum mich der Fall als Unternehmer beschäftigt.

Stand: 14. Oktober 2026.

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Was die Bundesanwaltschaft August Hanning vorwirft

Am frühen Morgen des 6. Oktober nahmen Beamte des Bundeskriminalamts Hanning in Nordwalde im Münsterland fest, fast zeitgleich Manfred D. im oberbayerischen Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen. Dort und in Berlin wurden Räume durchsucht. Grundlage waren Haftbefehle des Ermittlungsrichters am Bundesgerichtshof, der sie am 6. und 7. Oktober in Vollzug setzte. So steht es in den Mitteilungen des Generalbundesanwalts vom 6. Oktober und vom 7. Oktober.

Gegen Hanning besteht nach Angaben der Bundesanwaltschaft der dringende Verdacht der landesverräterischen Ausspähung, des Auskundschaftens von Staatsgeheimnissen, des versuchten Landesverrats und der geheimdienstlichen Agententätigkeit. Manfred D. wird Beihilfe vorgeworfen. Nach dem Stand der Ermittlungen vereinbarten beide vermutlich im Frühjahr 2010, dass D. dem früheren Präsidenten gegen Entgelt fortlaufend Erkenntnisse aus dem Dienst besorgt, die Hanning in seiner Beratertätigkeit gewinnbringend verwerten sollte. Bis Juni 2022 sollen so annähernd 2.000 Dokumente geflossen sein, vielfach als Verschlusssache eingestuft. Nach Recherchen des WDR-Journalisten Florian Flade war darunter eine dreistellige Zahl von Papieren der Stufen VS-Vertraulich und VS-Geheim, wie er in seinem Blog Verschlusssache schreibt.

Das Material war für die Leitung des BND bestimmt, vor allem für die nachrichtendienstliche Lage im Kanzleramt. In dieser Runde tragen jeden Dienstag die Chefs von BND, Verfassungsschutz, Militärischem Abschirmdienst, BKA und Bundespolizei den Spitzenbeamten der Bundesregierung vor, wie Flade schon 2021 beschrieben hat. WDR, NDR und Süddeutsche Zeitung berichten unter Berufung auf Sicherheitskreise, unter den Unterlagen seien Berichte zum iranischen Atomprogramm und zum russischen Militär gewesen, dazu Informationen ausländischer Partnerdienste. Am 13. Oktober war der Fall Thema bei Markus Lanz im ZDF, in derselben Sendung, in der es um den Rücktritt von Bärbel Bas und den Zustand der politischen Mitte ging. Den habe ich im Beitrag Politische Mitte und Brandmauer eingeordnet.

VorwurfVorschriftStrafrahmen im Gesetz
Landesverräterische Ausspähung§ 96 Abs. 1 StGBein bis zehn Jahre Freiheitsstrafe
Auskundschaften von Staatsgeheimnissen§ 96 Abs. 2 StGBsechs Monate bis fünf Jahre
Versuchter Landesverrat§ 94 Abs. 1 mit § 22 StGBnicht unter einem Jahr, im besonders schweren Fall bis lebenslang; der Versuch kann milder bestraft werden
Geheimdienstliche Agententätigkeit§ 99 Abs. 1 Nr. 1 StGBsechs Monate bis zehn Jahre

Entscheidend wird sein, ob es um Staatsgeheimnisse geht. Das sind nach § 93 StGB Tatsachen, Gegenstände oder Erkenntnisse, die nur einem begrenzten Personenkreis zugänglich sind und vor einer fremden Macht geheim gehalten werden müssen, um die Gefahr eines schweren Nachteils für die äußere Sicherheit Deutschlands abzuwenden. Ob es eine Anklage gibt, entscheidet die Bundesanwaltschaft nach den Ermittlungen, über die Schuld ein Strafsenat eines Oberlandesgerichts. Für Hanning steht dabei auch seine Versorgung auf dem Spiel: Wer als Ruhestandsbeamter wegen Landesverrats zu mindestens sechs Monaten verurteilt wird, verliert sie nach § 59 Beamtenversorgungsgesetz.

Manfred D.: der Büroleiter mehrerer BND-Präsidenten

D. war schon Büroleiter, als Hanning den BND von Dezember 1998 bis Ende November 2005 führte. Er folgte ihm als abgeordneter Assistent ins Bundesinnenministerium, wo Hanning bis November 2009 Staatssekretär war. Von März 2012 bis März 2026 war er nach Angaben der Bundesanwaltschaft Büroleiter mehrerer späterer Präsidenten und hatte in dieser Funktion Zugriff auf zahlreiche geheimhaltungsbedürftige Informationen. Flade berichtet, D. sei im Dienst unter dem Arbeitsnamen „A“ bekannt gewesen. Der heutige Präsident Martin Jäger habe ihn im Herbst 2025 nach kurzer Zeit ausgetauscht, danach sei D. nach Pullach versetzt worden und im März 2026 in Pension gegangen.

Ein Büroleiter sieht fast alles, was die Spitze sieht: Kalender, Vorlagen, Sprechzettel, Anträge. Wer einen Termin beim Präsidenten wollte, kam an ihm nicht vorbei. Flade fragt deshalb, warum diese Stelle in all den Jahren nie neu besetzt wurde und wer eine Nebentätigkeit des Büroleiters genehmigt hat, die nun ebenfalls Gegenstand der Ermittlungen ist. Der Vorsitzende des Parlamentarischen Kontrollgremiums, Marc Henrichmann (CDU), will prüfen lassen, ob Beschäftigte in sensiblen Bereichen zu lange auf demselben Posten bleiben und wie konsequent das Prinzip „Kenntnis nur, wenn nötig“ gilt, berichtet LTO.

Kennzahlentafel zum Fall Hanning: annähernd 2.000 Dokumente bis Juni 2022, zwölf Jahre mutmaßlicher Zeitraum von 2010 bis 2022, vierzehn Jahre Büroleiter späterer Präsidenten von 2012 bis 2026, 60 Aktenordner und rund 100 USB-Sticks bei der Durchsuchung 2025
Die Zahlen hinter dem Verdacht. Quellen: Generalbundesanwalt, Florian Flade, tv.berlin

An wen sollen Informationen von August Hanning gegangen sein?

Die Bundesanwaltschaft beschreibt zwei Empfänger, ohne Staaten zu nennen. In einem Fall soll Hanning eingestufte Erkenntnisse von D. genutzt haben, um für den Mitarbeiter eines fremden nachrichtendienstlichen Sicherheitsapparates eine Analyse zu schreiben. Ob sie ihren Adressaten erreichte, ist nach Angaben der Behörde offen. Außerdem soll er über mehrere Jahre einen Angehörigen eines anderen staatlichen Nachrichtendienstes mit politischen Informationen versorgt haben, zum Teil auf Grundlage des Materials von D.

Alles Weitere stammt aus Recherchen von Medien, nicht aus Mitteilungen der Behörden. Der Spiegel berichtete zuerst, die Analyse sei für einen Empfänger in Aserbaidschan bestimmt gewesen. Aserbaidschan hat den Bericht zurückgewiesen, Hanning saß laut Correctiv im Vorstand des Deutsch-Aserbaidschanischen Forums. Ein Zusammenhang dieser Funktion mit den Ermittlungen ist nicht belegt. Nach Informationen der Nachrichtenagentur AFP geht es nicht um Russland, WDR, NDR und SZ berichten dasselbe für die Analyse. Flade schreibt, die Ermittler prüften auch Spuren nach China. Welche Staaten tatsächlich betroffen sind, haben die Behörden nicht mitgeteilt.

Wie der Fall Hanning ins Rollen kam: eine Durchsuchung im Block-Verfahren

Aufgeflogen ist der Verdacht durch einen Zufallsfund. Die Staatsanwaltschaft Hamburg ermittelt im Komplex um die Entführung der Kinder der Unternehmerin Christina Block in der Silvesternacht 2023/24. Christina Block steht deshalb vor dem Landgericht Hamburg, sie bestreitet die Vorwürfe, ein Urteil gibt es nicht, für sie gilt die Unschuldsvermutung. Auch gegen Hanning ermittelt die Hamburger Staatsanwaltschaft: wegen einer möglichen Beteiligung an einem gescheiterten Rückholversuch 2022 und an der Entführung zum Jahreswechsel 2023/24 sowie wegen des Verdachts, den Vater der Kinder mit falschen Vorwürfen diskreditieren zu wollen, berichtet LTO. Hanning bestreitet das. Nach einem Bericht von t-online hielt das LKA Hamburg im November 2025 intern fest, dass er an der Entführung offenbar nicht beteiligt war.

Im Block-Prozess wurde bekannt, dass das LKA Hamburg einen verdeckten Ermittler in eine Sicherheitsfirma aus Hannings Umfeld eingeschleust und Telefone überwacht hatte. Im September 2025 folgte die Durchsuchung von acht Wohn- und Geschäftsräumen. Hanning hat sie in einem ausführlichen Interview mit dem Berliner Sender tv.berlin selbst geschildert, das der Sender nach der Festnahme erneut veröffentlicht hat. Am 16. September seien 23 Polizeibeamte aus Hamburg unter Führung einer Staatsanwältin gekommen. Mitgenommen worden seien 15 Computer, mehr als 100 USB-Sticks, sein Tablet, sogar seine Smartwatch, dazu 60 Ordner im Lieferwagen. Mit dem Fall Block habe nichts davon zu tun, er habe Frau Block lediglich zweimal beraten. Flade bestätigt die Größenordnung: mehr als ein Dutzend Computer, rund 100 USB-Sticks, 60 Aktenordner.

In diesen Funden lag nach Angaben der Bundesanwaltschaft der Ausgangspunkt des neuen Verfahrens. Die Hamburger Ermittler legten den Vorgang Anfang Mai 2026 in Karlsruhe vor, seither ermittelt die Bundesanwaltschaft gemeinsam mit BND und BKA. Beim BKA trägt das Verfahren nach Flades Recherche den internen Namen „Zettel“.

Hanning hat die Durchsuchung damals scharf kritisiert. Im Interview verglich er sie mit einem Raubüberfall, im April 2026 warf er der Hamburger Justiz in einer Dienstaufsichtsbeschwerde ein „strukturelles Versagen rechtsstaatlicher Kontrollmechanismen“ vor. Beides geschah, bevor der Vorgang an die Bundesanwaltschaft ging, und ob Hanning damals von einem Verdacht wegen Landesverrats wusste, ist nicht bekannt. Bemerkenswert finde ich die Wendung trotzdem: Ausgerechnet die Durchsuchung, über die sich ein früherer Präsident des Auslandsnachrichtendienstes so empört hat, ist nach Angaben der Bundesanwaltschaft der Ausgangspunkt des Verfahrens gegen ihn.

Zeitstrahl zum Fall Hanning von 1998 bis 2026: BND-Präsident 1998, Staatssekretär 2005, Ruhestand 2009, mutmaßliche Absprache 2010, Manfred D. Büroleiter ab 2012, letzte Übergabe Juni 2022, Durchsuchung in Hamburger Verfahren September 2025, Vorlage beim Generalbundesanwalt Mai 2026, Festnahme 6. Oktober 2026
Vom Präsidentenamt zur Untersuchungshaft: Die Daten ab 2010 beschreiben Vorwürfe, keine Feststellungen eines Gerichts. Quellen: Generalbundesanwalt, LTO

Was August Hanning zu den Vorwürfen sagt

Zu den Vorwürfen der Bundesanwaltschaft äußert sich bisher sein Verteidiger Leon Kruse. Er hat bestätigt, dass sein Mandant vertrauliche Unterlagen besessen habe. Er bestreitet aber, dass Hanning Informationen zum Nachteil Deutschlands oder gegen Bezahlung weitergegeben habe, und sagt, sein Mandant werde zu Unrecht verfolgt, berichtet t-online. Die Hamburger Vorwürfe hat Hanning stets zurückgewiesen. Im tv.berlin-Interview nannte er sie haltlos und sagte, von den Plänen rund um die Entführung habe er nichts gewusst.

Der Kreis um Hanning: Beratung, Verbände und eine lettische Bank

Nach seinem Ausscheiden 2009 arbeitete Hanning als Berater, nach eigenen Angaben auch als Rechtsanwalt. Nach Berichten Schweizer Zeitungen, die bluewin zusammenfasst, ist er weiterhin als Präsident des Verwaltungsrats der Luzerner Pluteos AG eingetragen. Dem Verwaltungsrat der ebenfalls in Luzern ansässigen Sicherheitsfirma System 360 AG gehörte er bis Mai 2026 an, das Unternehmen hat sich inzwischen von ihm distanziert. t-online nennt den Beiratsvorsitz im Gesprächskreis Nachrichtendienste in Deutschland, in dem sich viele hochrangige Ehemalige treffen, und die Mitarbeit an einem Projekt zur Grenzsicherung in Saudi-Arabien. Berichte über seine Geschäfte gab es seit Jahren: Der Stern schrieb über eine Beraterfirma, die ihre Eigentümer nicht offenlegte, der Spiegel 2023 über eine Reihe zweifelhafter Beratungen.

Hinzu kommt die lettische PNB Banka, in deren Aufsichtsrat Hanning saß und die 2019 zusammenbrach. Der Insolvenzverwalter verklagte neun frühere Vorstände und Aufsichtsräte, darunter den früheren Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen, auf rund 32 Millionen Euro Schadenersatz. Sie sollen kurz vor dem Zusammenbruch Entscheidungen mitgetragen haben, die den früheren Eigentümer von Schulden gegenüber der Bank befreiten, ohne angemessene Gegenleistung. Bei Hanning soll es laut Bild um bis zu vier Millionen Euro gehen. Laut Spiegel wurde ein Großteil seiner Pension gepfändet, berichtet der Tagesspiegel. Im Februar 2022 bat er den damaligen Bundeskanzler Olaf Scholz schriftlich, den Fall beim Besuch des lettischen Ministerpräsidenten anzusprechen. Hilfe kam nach Hannings Angaben nicht. Er selbst sieht sich als Opfer korrupter lettischer Behörden, so sagte er es bei tv.berlin.

Ob Geldsorgen etwas mit den Vorwürfen zu tun haben, ist offen. Die mutmaßliche Absprache mit D. begann nach Angaben der Bundesanwaltschaft schon 2010, Jahre vor dem Zusammenbruch der Bank.

Bundesnachrichtendienst: wie der BND aufgebaut ist, wie man hineinkommt und wer ihn kontrolliert

Der Bundesnachrichtendienst ist der Auslandsnachrichtendienst der Bundesrepublik, gegründet am 1. April 1956, wie die Bundeszentrale für politische Bildung zusammenfasst. Er ist eine Bundesoberbehörde im Geschäftsbereich des Kanzleramts (§ 1 BND-Gesetz), die Fachaufsicht führt dort die Abteilung 7. Die Zentrale steht seit 2019 in Berlin, in Pullach arbeiten laut bpb weiterhin gut 1.000 Beschäftigte in Nachrichtentechnik und Datenanalyse, dazu kommen Außenstellen im Inland und Residenturen im Ausland. Insgesamt sind es nach Angaben des Dienstes rund 6.500 Beschäftigte. Präsident ist seit 2025 der Diplomat Martin Jäger.

Das Geld steht im Bundeshaushalt unter Kapitel 0414. Für 2026 sind dort 1,51 Milliarden Euro veranschlagt, nominal gut doppelt so viel wie 2016 mit 724 Millionen Euro. Wofür das Geld im Einzelnen ausgegeben wird, steht in einem geheimen Wirtschaftsplan, den das Vertrauensgremium des Bundestages billigt.

Säulendiagramm: Ausgaben des Bundesnachrichtendienstes laut Bundeshaushalt, 2016 rund 724 Millionen Euro, 2018 925 Millionen, 2020 978 Millionen, 2022 1,03 Milliarden, 2024 1,08 Milliarden und 2026 1,51 Milliarden Euro
Der Etat des BND hat sich in zehn Jahren mehr als verdoppelt. Quelle: Bundeshaushalt, Kapitel 0414, Soll

Wer beim BND anfangen will, bewirbt sich wie bei jeder Bundesbehörde, durchläuft aber die strengste Stufe der Sicherheitsüberprüfung, die erweiterte Überprüfung mit Sicherheitsermittlungen nach § 10 Sicherheitsüberprüfungsgesetz. Der BND führt sie für seine Bewerber und Beschäftigten selbst durch. In der Regel alle fünf Jahre wird die Sicherheitserklärung aktualisiert, alle zehn Jahre die Überprüfung wiederholt. Die Spitze besetzt die Politik: Der Präsident und die Beamten ab der Besoldungsgruppe B 6 sind politische Beamte, die der Bundespräsident jederzeit in den einstweiligen Ruhestand versetzen kann (§ 54 Bundesbeamtengesetz). Kontrolliert wird der Dienst von mehreren Stellen mit getrennten Aufgaben. Einen Überblick über die parlamentarischen und unabhängigen Kontrollorgane gibt der Bundesdatenschutzbeauftragte:

StelleAufgabeGrundlage
BundeskanzleramtDienst- und Fachaufsicht über den BND§ 1 BND-Gesetz
Parlamentarisches Kontrollgremiumwird von der Regierung umfassend unterrichtet, darf Akten einsehen, hat einen Ständigen BevollmächtigtenArt. 45d Grundgesetz, Kontrollgremiumgesetz
Vertrauensgremiumbilligt die geheimen Wirtschaftspläne der Dienste§ 10a Bundeshaushaltsordnung
G 10-Kommissionentscheidet über Eingriffe in das FernmeldegeheimnisArtikel-10-Gesetz
Unabhängiger Kontrollratkontrolliert seit 2022 die technische Aufklärung im AuslandBND-Gesetz, Novelle 2021
Bundesdatenschutzbeauftragterkontrolliert den Umgang mit personenbezogenen DatenBND-Gesetz, Bundesdatenschutzgesetz

Vieles bleibt bewusst im Dunkeln: wie viele Menschen in welcher Abteilung arbeiten, wie sich das Budget verteilt, wie oft intern kontrolliert wird. Gerade deshalb hängt so viel an den Kontrollgremien. Die Frage, wer die Kontrolleure kontrolliert, habe ich für eine ganz andere Behörde im Beitrag Wer das Finanzamt beaufsichtigt gestellt. Beim Geheimdienst ist sie noch dringender, weil die Öffentlichkeit kaum mitlesen kann.

Die Sicherungen im BND: Wie konnten Papiere unbemerkt hinausgelangen?

Die eigentliche Frage dieses Falls lautet: Wie konnten aus einem Dienst, der seine Sicherheit in Schichten organisiert, mutmaßlich über zwölf Jahre Papiere abfließen, ohne dass es jemand bemerkte? Bei Markus Lanz beschrieb Flade am 13. Oktober, wie streng der Alltag im BND gesichert ist: eine Karte für das Gebäude, eine zweite für das Büro, Ausdrucke, die nummeriert und nachvollziehbar sind, eine eigene Sicherheit, die bis an die Schreibtische kontrolliert. Wer so arbeitet, schickt keine E-Mail mit Anhang nach draußen und trägt keinen Laptop aus dem Haus. „Es stellt sich die Frage, was ist da schief gegangen, dass das so laufen konnte“, sagte Flade in der Sendung. Der Bundesnachrichtendienst müsse „vom schlimmsten Fall ausgehen, dass das alles irgendwo gelandet sein könnte“.

Nach dem Fall des BND-Referatsleiters Carsten L. soll der Dienst zufällige Taschenkontrollen eingeführt und die Sicherheitsüberprüfung verschärft haben, schreibt Flade. In jenem Verfahren, in dem ebenfalls die Unschuldsvermutung gilt, sollen nach Flades Recherchen Kollegen geholfen haben, etwa mit Dokumenten, auf die L. dienstlich keinen Zugriff mehr hatte. Aufgefallen war der Fall nur durch den Hinweis eines ausländischen Partnerdienstes.

Ein Büroleiter sitzt an der Stelle, an der viele dieser Schichten zusammenlaufen. Er hat von Amts wegen Zugriff auf vieles, was für den Präsidenten bestimmt ist, das betont auch die Bundesanwaltschaft. Ob D. allein gehandelt hat, ob andere davon wussten und warum die Eigensicherung nicht angeschlagen hat, gehört zu den Fragen, die jetzt zwei Stellen klären sollen: Das Kontrollgremium hat seinen Ständigen Bevollmächtigten mit einer Ad-hoc-Kontrolle beauftragt, „bestehende strukturelle und organisatorische Probleme abzustellen“, und der BND hat eine interne Arbeitsgruppe eingesetzt. Beschuldigt sind bisher zwei Personen.

Wie ernst der Dienst den Fall nimmt, zeigt eine Szene, die Flade beschreibt: Präsident Jäger begann eine Pflicht-Videokonferenz für alle Beschäftigten mit dem Satz „Ich bin sauer“. Einen Tag zuvor, noch vor den Festnahmen, hatte er in der öffentlichen Anhörung des Kontrollgremiums erklärt, die Zusammenarbeit mit Partnerdiensten beruhe auf Vertrauen und darauf, dass geteilte Informationen sorgsam behandelt werden.

Frühere BND-Skandale und Spionagefälle: von Heinz Felfe bis Carsten L.

Noch nie ist ein früherer BND-Präsident in einen solchen Verdacht geraten, schreibt Flade. Verratsfälle und Affären hat der BND aber in jedem Jahrzehnt erlebt.

JahrFallWorum es gingAusgang
1961Heinz FelfeReferatsleiter der Gegenspionage, arbeitete für den sowjetischen KGB1963 zu 14 Jahren verurteilt, 1969 in die DDR ausgetauscht
1990Gabriele GastAnalystin, spionierte für die DDR1991 zu sechs Jahren und neun Monaten verurteilt
2006Journalisten-AffäreDer BND beobachtete bis 2005 Journalisten, um undichte Stellen zu findenBericht des Sonderermittlers Gerhard Schäfer, Entschuldigung des Präsidenten
2014Markus R.Mehr als 200 Dokumente an die CIA, Angebot an einen russischen Dienst2016 zu acht Jahren verurteilt
2015NSA-SelektorenDer BND half der NSA, auch europäische Ziele zu überwachenUntersuchungsausschuss, neues BND-Gesetz 2016
2022Carsten L.Soll Geheimnisse an einen russischen Dienst verraten habenProzess am Kammergericht Berlin seit Dezember 2023, Urteil steht aus
2026August Hanning, Manfred D.Annähernd 2.000 Dokumente von 2010 bis 2022 (Vorwurf)Untersuchungshaft, Ermittlungen laufen

In Hannings eigene Amtszeit fallen zwei Kapitel, die bis heute nachwirken. Die BND-Quelle „Curveball“ lieferte falsche Angaben über mobile Biowaffenlabore im Irak, die die USA zur Begründung des Irakkriegs nutzten. Und zum Fall Murat Kurnaz, der mehr als vier Jahre in Guantánamo festgehalten wurde, musste sich Hanning 2007 als Zeuge im Untersuchungsausschuss des Bundestages erklären. Markus R. wurde vom Oberlandesgericht München wegen Landesverrats verurteilt.

Was daraus gelernt wurde: Kontrolle, Sicherheitsüberprüfung und Karenzzeit

Fast jede Affäre hat Regeln hervorgebracht. Nach der NSA-Affäre bekam das Kontrollgremium 2016 einen Ständigen Bevollmächtigten mit eigenem Stab, genau die Stelle, die jetzt die Ad-hoc-Kontrolle führt. Nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom Mai 2020 zur Überwachung im Ausland entstand der Unabhängige Kontrollrat, der Anfang 2022 seine Arbeit aufnahm. Nach dem Fall Carsten L. stellte das Kontrollgremium im April 2023 dringenden Handlungsbedarf bei den Sicherheitsüberprüfungen fest. Im Mai 2023 warnte es ausdrücklich davor, dass Beamte mit vertieften nachrichtendienstlichen Kenntnissen ungeprüft privatwirtschaftliche Tätigkeiten aufnehmen. An diese Warnung hat es am 7. Oktober 2026 erinnert.

Warum kann ein früherer Spitzenbeamter überhaupt so frei weiterarbeiten? Weil die Pflichten nach dem Ausscheiden befristet sind. Nach § 105 Bundesbeamtengesetz müssen politische Beamte und Beamte mit sicherheitsempfindlicher Tätigkeit heute jede Erwerbstätigkeit außerhalb des öffentlichen Dienstes anzeigen, fünf Jahre lang nach dem Ruhestand mit Erreichen der Regelaltersgrenze, sonst sieben Jahre. Arbeit für eine fremde Macht mit Bezug zu sicherheitsempfindlichen Belangen braucht in dieser Zeit eine Genehmigung, und die Behörde muss eine Tätigkeit untersagen, wenn dienstliche Interessen leiden. Danach ist man frei. Lebenslang gilt nur die Verschwiegenheitspflicht nach § 67 Bundesbeamtengesetz, samt der Pflicht, dienstliche Unterlagen auf Verlangen herauszugeben.

Jetzt liegen Vorschläge auf dem Tisch. Aus dem Kontrollgremium kommt die Forderung nach einer Erlaubnispflicht statt einer Anzeigepflicht, so fasst es die Bundeszentrale für politische Bildung zusammen. Die SPD-Abgeordnete Sonja Eichwede fordert eine lebenslange Karenzzeit für frühere Führungskräfte der Dienste. Henrichmann will, dass hochrangige Ehemalige dienstbezogene Kontakte offenlegen, gerade bei bezahlten Tätigkeiten. Und parallel berät der Bundestag eine Reform, die den Diensten mehr operative Befugnisse geben soll.

Warum der Fall Hanning dem Vertrauen in den Staat schadet

Ein Nachrichtendienst lebt von Vertrauen, nach außen wie nach innen. Partnerdienste teilen Informationen nur, wenn sie sicher sind, dass sie geschützt werden. Bürgerinnen und Bürger akzeptieren weitreichende Befugnisse nur, wenn sie darauf vertrauen, dass jemand genau hinsieht. Und wir Unternehmer geben dem Staat jeden Tag Daten: Steuererklärungen, Lohnmeldungen, Angaben zu Eigentümern. Wir tun das, weil wir davon ausgehen, dass er damit sorgsam umgeht. Jeder Fall wie dieser kostet etwas von diesem Vertrauen, und die Stimmung im Land ist ohnehin angespannt, wie ich im Beitrag Unzufriedenheit mit der Politik beschrieben habe.

Ich halte es für einen Fehler, Gefahren für den Staat vor allem an einer Partei festzumachen. Die Fälle der vergangenen Jahre zeigen, dass ein großer Schaden auch von innen entstehen kann: aus Behörden, aus Netzwerken, aus Interessenkonflikten von Menschen, die Zugang hatten. Darüber muss genauso offen gesprochen werden.

Und Hinweise auf Interessenkonflikte gab es. Über Hannings Beratungen wurde seit Jahren kritisch berichtet, auch die Klage aus Lettland ist seit Jahren bekannt. Das betraf seine Geschäfte, nicht den Vorwurf des Geheimnisverrats, war aber Anlass genug, genauer hinzusehen. Das Kontrollgremium warnte 2023 vor ungeprüften Anschlusstätigkeiten, und Henrichmann sagt, die Personalie Hanning beschäftige das Gremium schon länger. Warum es am Ende einen Zufallsfund der Hamburger Polizei brauchte, muss die Aufarbeitung beantworten.

Zugleich zeigt der Fall, dass der Rechtsstaat funktioniert. Eine Staatsanwaltschaft stößt auf etwas und gibt es weiter, die Bundesanwaltschaft ermittelt mit BND und BKA, ein Richter prüft die Haft, das Parlament kontrolliert. Niemand steht darüber, auch ein früherer Präsident nicht. Das ist eine gute Nachricht.

Was ich als Unternehmer aus dem Fall Hanning mitnehme

In meinen Firmen gilt ein einfacher Grundsatz: Zugang bekommt, wer ihn für seine Aufgabe braucht, und wer geht, gibt ihn vollständig zurück. Das ist keine Frage des Misstrauens, sondern der Sorgfalt. Das Gesetz sieht es genauso: Ein Geschäftsgeheimnis ist nach § 2 Geschäftsgeheimnisgesetz nur geschützt, wenn der Inhaber angemessene Geheimhaltungsmaßnahmen trifft. Was jeder Mittelständler für seine Kundendaten leisten muss, muss der Staat für seine Geheimnisse erst recht leisten. Fünf Dinge nehme ich für mich mit:

  • Schlüsselstellen rotieren. Wer an der Spitze die Vorlagen verwaltet, sollte nicht über ein Jahrzehnt auf demselben Platz sitzen.
  • Zugriffe auswerten, nicht nur vergeben. Ein Protokoll hilft nur, wenn jemand regelmäßig hineinschaut.
  • Nebentätigkeiten offenlegen und neu prüfen. Eine Genehmigung von vor zehn Jahren ist kein Freibrief für heute.
  • Das Ausscheiden ernst nehmen. Unterlagen zurück, Zugänge zu, Anschlusstätigkeit und Kontakte offen besprechen.
  • Warnzeichen zusammenführen. Presseberichte, Klagen, Hinweise von Partnern gehören auf einen Tisch, nicht in fünf Akten.

Für die Politik heißt das aus meiner Sicht: eine Erlaubnispflicht statt einer Anzeigepflicht für Anschlusstätigkeiten früherer Spitzenbeamter der Sicherheitsbehörden, verbunden mit der Pflicht, bezahlte Mandate und Kontakte offenzulegen. Für frühere Präsidenten und Vizepräsidenten der Dienste würde ich bezahlte Arbeit für fremde Staaten und ausländische Sicherheitsbehörden dauerhaft ausschließen. Mehr zu meinem Blick auf Staat und Unternehmer steht im Beitrag Unternehmer und Politik. Wie seht Ihr den Fall? Schreibt mir über das Kontaktformular, ich antworte auf jede Nachricht.

Häufige Fragen

Was wird August Hanning vorgeworfen?

Die Bundesanwaltschaft sieht einen dringenden Verdacht der landesverräterischen Ausspähung, des Auskundschaftens von Staatsgeheimnissen, des versuchten Landesverrats und der geheimdienstlichen Agententätigkeit. Er soll von 2010 bis Juni 2022 annähernd 2.000 BND-Dokumente erhalten und für seine Beratertätigkeit genutzt haben. Hanning ist nicht angeklagt, es gilt die Unschuldsvermutung.

Was ist Landesverrat?

Landesverrat begeht nach § 94 StGB, wer ein Staatsgeheimnis einer fremden Macht mitteilt oder sonst an Unbefugte gelangen lässt, um Deutschland zu benachteiligen oder eine fremde Macht zu begünstigen, und dadurch die Gefahr eines schweren Nachteils für die äußere Sicherheit herbeiführt. Die Strafe beträgt mindestens ein Jahr, in besonders schweren Fällen bis lebenslang. Hanning wird versuchter Landesverrat vorgeworfen.

Wer ist Manfred D.?

Der frühere Büroleiter Hannings beim BND, später Büroleiter mehrerer nachfolgender Präsidenten von März 2012 bis März 2026. Er soll Hanning die Dokumente gegen Bezahlung überlassen haben und ist wegen Beihilfe beschuldigt. Auch für ihn gilt die Unschuldsvermutung.

An wen soll Hanning Informationen gegeben haben?

Laut Bundesanwaltschaft schrieb er in einem Fall eine Analyse für den Mitarbeiter eines fremden nachrichtendienstlichen Sicherheitsapparates, ob sie ankam, ist offen. Außerdem soll er einen Angehörigen eines anderen staatlichen Nachrichtendienstes über Jahre mit politischen Informationen versorgt haben. Die Staaten nennt die Behörde nicht, Medien berichten über Aserbaidschan, Aserbaidschan weist das zurück.

Wie sind die Ermittler auf Hanning gekommen?

Durch eine Durchsuchung der Staatsanwaltschaft Hamburg im September 2025 im Verfahren um die Entführung der Kinder von Christina Block. Die Funde legten die Hamburger Ermittler Anfang Mai 2026 der Bundesanwaltschaft vor.

Wer kontrolliert den BND?

Das Bundeskanzleramt führt die Dienst- und Fachaufsicht. Dazu kommen das Parlamentarische Kontrollgremium des Bundestages, das Vertrauensgremium für den Haushalt, die G 10-Kommission, der Unabhängige Kontrollrat für die technische Aufklärung und der Bundesdatenschutzbeauftragte.

Wie lange dürfen frühere BND-Mitarbeiter nicht in die Wirtschaft wechseln?

Ein generelles Verbot gibt es nicht, aber eine Anzeigepflicht, und Arbeit für eine fremde Macht braucht eine Genehmigung. Politische Beamte und Beamte mit sicherheitsempfindlicher Tätigkeit müssen jede Erwerbstätigkeit fünf oder sieben Jahre lang anzeigen, die Behörde kann sie untersagen. Die Verschwiegenheitspflicht gilt lebenslang.

Herzlich,
Euer Dennis Weidner

Aus unserem Ökosystem: Weidner & Friends. Unser Team in Berlin-Mitte unterstützt Unternehmen bei Strategie, Wachstum und Umsetzung. Zur Website →

Hinweis: Beim Schreiben dieses Beitrags haben mich KI-Werkzeuge unterstützt, einzelne Bilder sind mit KI bearbeitet. Für Inhalt und Aussagen stehe ich mit meinem Namen.

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