In den USA sind 2026 bis Ende Juli 251 Milliarden US-Dollar über 86 Börsengänge eingesammelt worden. Das ist mehr als das Fünffache des gesamten Vorjahres. Im selben Zeitraum haben Unternehmen ihre Emissionen abgesagt, verkleinert und verschoben, und die Liste wird länger, nicht kürzer. Beides gleichzeitig zu erklären ist die eigentliche Aufgabe, und die Antwort verändert, wie man auf Beteiligungen schaut. Ich schreibe das als jemand, der über eine Holding mit eigenem Bilanzkapital investiert und deshalb an dieser Stelle eine unbequeme Freiheit hat.

Zwei Zahlen, die sich zu widersprechen scheinen
Die erste Zahl ist die aus der Grafik. 33 Milliarden US-Dollar im Jahr 2024, 47,4 Milliarden 2025, dann 251 Milliarden allein bis Ende Juli 2026. Weltweit lag das erste Halbjahr bei 178 Milliarden US-Dollar über 524 Transaktionen. Nach jeder üblichen Lesart ist das ein weit offenes Fenster.
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Die zweite Zahl steht in keiner Statistik, weil abgesagte Emissionen nirgends zentral gezählt werden. Man findet sie nur einzeln. Ein Wall-Street-Broker zog seinen Börsengang zurück und hatte das Zielvolumen zuvor um 65 Prozent gekürzt. Ein brasilianisches Fintech ging schließlich zu 12 US-Dollar statt der geplanten 15 bis 18 an den Markt, mit 20 statt 43,6 Millionen Aktien, und lag am Tag darauf knapp 15 Prozent im Minus. Ein von Blackstone gestützter Anbieter verschob eine Woche vor dem Termin. Aus der Kryptobranche haben gleich mehrere Unternehmen ihre Vorhaben ausgesetzt.
Der scheinbare Widerspruch löst sich auf, sobald man die 251 Milliarden aufteilt. Eine einzige Emission, SpaceX im Juni, steht für rund 85,7 Milliarden davon, also für etwa ein Drittel des ganzen Jahres. Was aussieht wie ein breiter Boom, ist zu einem erheblichen Teil eine Handvoll sehr großer Transaktionen. Der Markt ist nicht offen. Er ist selektiv, und er ist es auf eine Weise, die man als Statistik nicht sieht.
Was die Absagen gemeinsam haben
Die Begründung lautet fast immer gleich und sagt fast nichts: Marktbedingungen. Wer sich die Fälle nebeneinander legt, findet ein präziseres Muster.
Verschoben wird nicht, weil kein Geld da wäre. Verschoben wird, weil der Preis, zu dem Geld da wäre, unter der letzten privaten Bewertung liegt. Das ist ein entscheidender Unterschied. Im ersten Fall gibt es kein Geschäft. Im zweiten gibt es ein Geschäft, aber es tut den bestehenden Eigentümern weh.
Diese Schmerzgrenze verläuft nicht bei allen gleich. Wer in einer frühen Runde eingestiegen ist, verdient auch bei einer halbierten Bewertung noch. Wer in der letzten Runde vor dem Börsengang eingestiegen ist, verliert. Und weil die späten Investoren meist Vorzugsrechte haben, die im Ernstfall zuerst bedient werden, tragen die Gründer und Mitarbeiter mit einfachen Anteilen den Unterschied. Eine Absage ist deshalb selten eine Marktdiagnose. Sie ist meistens eine Entscheidung im Gesellschafterkreis darüber, wer eine Korrektur bezahlt.
Wie hart diese Korrektur ausfallen kann, wenn das Unternehmen sie durchsteht statt sie zu vermeiden, ließ sich im August an SpaceX beobachten. Die Aktie stand nach acht Wochen öffentlichen Handels deutlich unter dem Ausgabepreis, und ausgerechnet am Tag des ersten Lockup-Ablaufs stieg sie wieder. Was daran über private Bewertungen zu lernen ist, habe ich im Beitrag 911 Millionen Aktien an einem Tag ausführlich aufgeschrieben.
Verschieben oder tiefer bewerten
Wenn der erzielbare Preis unter der letzten Bewertung liegt, hat ein Unternehmen zwei Möglichkeiten, und beide kosten etwas Verschiedenes.
Der Börsengang zum niedrigeren Preis macht die Korrektur öffentlich und endgültig. Danach steht eine Zahl im Markt, an der sich alles messen lässt, und sie lässt sich nicht mehr wegdiskutieren. Das ist unangenehm und hat einen unterschätzten Vorteil: Ab diesem Punkt ist die Bewertungsfrage geklärt und das Unternehmen kann sich wieder um sein Geschäft kümmern.
Die Verschiebung erhält die alte Zahl auf dem Papier und verschiebt die Klärung in die Zukunft. Sie kostet aber Zeit, und Zeit ist genau das, was ein Unternehmen mit hoher Bewertung und begrenzter Kasse nicht beliebig hat. Wer verschiebt, muss die Zwischenzeit finanzieren, und das geschieht meist über eine weitere private Runde, deren Konditionen bei schwachem Umfeld regelmäßig härter ausfallen als der Börsengang, den man vermeiden wollte.
Ich habe für mich keine allgemeine Antwort darauf. Was ich beobachte: Unternehmen mit einem funktionierenden Geschäft entscheiden sich häufiger für den niedrigeren Preis, weil sie die Klärung aushalten. Unternehmen, deren Geschichte die Bewertung trägt und nicht umgekehrt, verschieben. Aus welcher Gruppe eine Absage kommt, sagt deshalb oft mehr als die Absage selbst.
Warum eine Holding das anders sieht als ein Fonds
Hier kommt der Teil, bei dem meine Perspektive von der üblichen abweicht, und ich halte den Unterschied für unterschätzt.
Ein klassischer Wagniskapitalfonds sammelt Geld von Investoren ein und verspricht, es innerhalb einer festgelegten Laufzeit zurückzugeben, üblicherweise zehn Jahre mit Verlängerungsoption. Das ist eine gute Konstruktion, sie hat einen ganzen Industriezweig getragen. Sie hat aber eine eingebaute Eigenschaft: Am Ende steht ein Datum, zu dem verkauft werden muss. Ein Fonds im achten Jahr sieht ein geschlossenes Börsenfenster anders als ein Fonds im dritten. Nicht, weil er anders denkt, sondern weil seine Uhr anders steht.
Ich investiere über eine Holding mit eigenem Bilanzkapital. Es gibt keine Zeichner, denen ich zu einem Stichtag Geld zurückgeben muss, also gibt es dieses Datum nicht. Eine Beteiligung darf so lange liegen, wie das Geschäft trägt. Ein verschobener Börsengang ist damit für mich keine Terminverletzung, sondern eine Information: Der öffentliche Markt zahlt gerade weniger als die letzte private Runde.
Ich schreibe das ausdrücklich nicht als Überlegenheitserzählung, weil dieselbe Struktur einen ziemlich unangenehmen Preis hat. Wer nie verkaufen muss, wird auch nie gezwungen, sich einem Preis zu stellen. Ein Fonds muss regelmäßig beweisen, dass seine Zahlen echt sind. Eine Holding kann eine Beteiligung jahrelang zum Einstandswert in den Büchern führen und sich dabei ausgezeichnet fühlen. Das ist die eigentliche Gefahr meiner Konstruktion, und ich halte sie für größer als das Risiko, ein Fenster zu verpassen. Deshalb ist die Disziplin, die ein Fonds von außen bekommt, bei mir eine Frage der Selbstorganisation.
Die Frage, die ich mir seitdem stelle
Aus dieser Einsicht ist bei mir eine feste Prüfung geworden, und zwar eine unangenehme. Einmal im Jahr frage ich mich zu jeder Beteiligung: Wenn ich diesen Anteil heute verkaufen müsste, zu welchem Preis fände ich einen Käufer? Nicht zu welchem Preis ich ihn anbieten würde. Zu welchem Preis jemand zugreift.
Die Differenz zwischen diesen beiden Zahlen ist die einzige Bewertungslücke, die zählt. Sie steht in keinem Beteiligungsvertrag, sie taucht in keiner Übersicht auf, und sie ist bei den meisten Beteiligungen größer, als man vorher glaubt. Wer sie einmal ehrlich hingeschrieben hat, liest Meldungen über abgesagte Börsengänge völlig anders. Sie sind dann keine Nachrichten über das Umfeld mehr. Sie sind Nachrichten darüber, welche Bewertungen gerade real sind.
Für Gründer, die gerade in einer Runde sitzen, folgt daraus eine praktische Konsequenz: Eine hohe Bewertung ist nicht kostenlos. Sie legt die Messlatte fest, an der jede spätere Runde und jeder Ausstieg gemessen wird. Ein Unternehmen, das eine Runde tiefer bewertet abschließt und dafür sauber weiterarbeitet, hat oft die bessere Ausgangslage als eines, das eine Rekordbewertung erreicht und sie zwei Jahre später verteidigen muss.
Was ich für den Rest des Jahres erwarte
Drei Beobachtungen, ohne Prognose-Anspruch.
Die Konzentration bleibt. Solange einzelne sehr große Emissionen die Statistik tragen, sagt die Gesamtsumme nichts über die Chancen eines mittelgroßen Unternehmens aus. Wer sein eigenes Fenster einschätzen will, sollte auf die Anzahl der Transaktionen in seiner Größenklasse schauen, nicht auf das Volumen.
Der Erstkurs ist die falsche Kennzahl. Ein Debüt mit kräftigem Aufschlag sagt vor allem, dass die Emission zu niedrig bepreist war. Interessanter ist, wo die Aktie drei Monate später steht, wenn die ersten Haltefristen auslaufen.
Zweitmarkt-Transaktionen werden wichtiger. Wenn der Börsengang als Ausstieg länger auf sich warten lässt, verlagert sich der Druck auf den Verkauf von Anteilen zwischen privaten Investoren. Diese Preise sind der ehrlichere Indikator für die Bewertung eines nicht börsennotierten Unternehmens als jede Runde, denn hier verkauft jemand, der raus will, an jemanden, der rein will.
Warum ich Bewertungen ganz grundsätzlich für die unzuverlässigste Zahl in jeder Runde halte, klingt auch in meinem Rückblick Krypto 2026: Was nach der Euphorie wirklich bleibt an. Der Mechanismus ist dort derselbe, nur schneller.
Häufige Fragen
Wie viele Börsengänge gab es 2026 in den USA?
Bis Ende Juli 2026 waren es 86 Transaktionen mit einem Emissionsvolumen von 251 Milliarden US-Dollar. Zum Vergleich: 2025 waren es 47,4 Milliarden, 2024 rund 33 Milliarden. Weltweit lag das erste Halbjahr 2026 bei 178 Milliarden US-Dollar über 524 Transaktionen.
Warum verschieben Unternehmen trotz Rekordvolumen ihren Börsengang?
Weil das Volumen stark konzentriert ist. Allein die SpaceX-Emission im Juni steht für rund 85,7 Milliarden US-Dollar, also etwa ein Drittel des Jahres. Für mittelgroße Emittenten ist das Fenster deutlich enger. Verschoben wird meist nicht, weil kein Kapital da wäre, sondern weil der erzielbare Preis unter der letzten privaten Bewertung liegt.
Wer trägt den Schaden, wenn ein Börsengang zu einem niedrigeren Preis stattfindet?
In der Regel die Halter einfacher Anteile, also Gründer und Mitarbeiter. Späte Investoren haben meist Vorzugsrechte, die bei einem Verkauf zuerst bedient werden. Eine Absage ist deshalb oft weniger eine Marktdiagnose als eine Entscheidung darüber, wer eine Korrektur bezahlt.
Was ist der Unterschied zwischen einer Holding und einem Fonds bei diesem Thema?
Ein Fonds hat eine feste Laufzeit und damit ein Datum, zu dem er Kapital zurückgeben muss. Eine Holding mit eigenem Bilanzkapital hat dieses Datum nicht und kann eine Beteiligung halten, solange das Geschäft trägt. Der Preis dieser Freiheit ist geringere äußere Disziplin: Wer nie verkaufen muss, stellt sich auch nie einem echten Preis.
Woran erkenne ich, ob eine Bewertung realistisch ist?
An der Frage, zu welchem Preis heute jemand tatsächlich zugreifen würde, nicht zu welchem Preis man anbieten würde. Transaktionen auf dem Zweitmarkt, bei denen private Investoren Anteile untereinander verkaufen, sind dafür ein ehrlicherer Indikator als die zuletzt in einer Finanzierungsrunde festgelegte Bewertung.
Dieser Text ist eine persönliche Einordnung und keine Anlageberatung. Er enthält keine Empfehlung, ein bestimmtes Wertpapier zu kaufen oder zu verkaufen.
Herzlich,
Euer Dennis Weidner





