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911 Millionen Aktien an einem Tag: Was der SpaceX-Unlock über private Bewertungen verrät

911 Millionen Aktien an einem Tag: Was der SpaceX-Unlock über private Bewertungen verrät

Am 6. August 2026 wurden bei SpaceX auf einen Schlag rund 911,5 Millionen Aktien handelbar, nach Marktwert etwa 100 Milliarden US-Dollar. Es war der erste Ablauf einer Haltefrist seit dem Börsengang im Juni. Wer die Nachricht nur überflogen hat, kennt die Schlagzeile: Aktie unter Ausgabepreis. Interessanter ist, was am Tag selbst passierte, denn es widerspricht der Schlagzeile. Und noch interessanter ist, was dieser eine Handelstag über die Bewertungen erzählt, die im privaten Markt gerade herumgereicht werden.

Säulendiagramm: SpaceX-Kurs in US-Dollar, Ausgabepreis 135 am 11. Juni, Hoch 225,64 am 16. Juni, Tief 105,11 und Schluss 111,17 am 6. August 2026
Zwei Monate, vier Stationen. Quelle: CNBC und CNN Business, Handelstag 6. August 2026

Was an diesem Tag wirklich passiert ist

SpaceX hat seine Aktien am 11. Juni 2026 zu 135 US-Dollar zugeteilt, gehandelt wurde ab dem Tag darauf. Das Emissionsvolumen lag nach der Zuteilung bei rund 85,7 Milliarden US-Dollar. Diese eine Emission macht damit etwa ein Drittel dessen aus, was in den USA im gesamten Jahr 2026 bis Ende Juli an die Börse gebracht wurde. Es war kein Börsengang, es war ein eigenes Marktereignis.

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Am 16. Juni stand der Kurs bei 225,64 US-Dollar. Von dort ging es fast ununterbrochen abwärts. Vor dem Ablauf der Haltefrist notierte die Aktie mehr als die Hälfte unter ihrem Junihoch und rund 20 Prozent unter dem Ausgabepreis. Das ist die Lage, in der die 911,5 Millionen Aktien frei wurden.

Und dann tat der Kurs das Gegenteil dessen, was alle erwartet hatten. Er fiel im frühen Handel auf 105,11 US-Dollar, drehte und schloss bei 111,17, ein Plus von 2,6 Prozent. Der Tag, an dem das Angebot explodieren sollte, war ein grüner Tag.

Warum es eine Haltefrist überhaupt gibt

Eine Lockup-Frist ist eine vertragliche Zusage der Altaktionäre an die Banken, ihre Anteile für eine bestimmte Zeit nicht zu verkaufen. Üblich sind 90 bis 180 Tage. Der Zweck ist nüchtern: Ohne diese Zusage müsste der Markt beim Börsengang gleichzeitig die neuen Aktien aufnehmen und die alten, und niemand wüsste, welcher Preis dabei überhaupt entsteht.

Die Frist verschiebt das Problem allerdings nur. Sie löst es nicht. Am Tag ihres Ablaufs steht die Frage wieder im Raum, diesmal in voller Höhe: Zu welchem Preis wollen die Menschen verkaufen, die schon vor dem Börsengang dabei waren? Bei SpaceX sind das nach den Unterlagen bei der Börsenaufsicht bis zu 1,37 Milliarden Aktien, die in den Tagen nach der Vorlage der Quartalszahlen zugänglich werden. Die 911,5 Millionen vom 6. August waren die erste Tranche, nicht die letzte.

Angebot ist nicht gleich Verkauf

Genau hier liegt der Denkfehler, den ich in den vergangenen Wochen oft gelesen habe. Aus "911 Millionen Aktien werden handelbar" wird in den Kommentarspalten "911 Millionen Aktien kommen auf den Markt". Das ist nicht dasselbe, und der Unterschied ist der ganze Punkt.

Handelbar zu sein heißt: Ein Verkauf ist erlaubt. Ob er stattfindet, entscheidet jeder Halter für sich, und zwar überwiegend danach, was er selbst bezahlt hat. Ein Mitarbeiter, dessen Anteile aus einer frühen Runde stammen, sitzt auch bei 111 US-Dollar auf einem Vielfachen seines Einstands. Ein Investor aus der letzten privaten Runde, der nahe an der öffentlichen Bewertung eingestiegen ist, verkauft in diesem Kurs mit Verlust. Der erste verkauft vielleicht, der zweite ziemlich sicher nicht.

Deshalb ist die Zahl der freiwerdenden Aktien für sich genommen wenig aussagekräftig. Aussagekräftig wäre die Verteilung der Einstandspreise darunter, und die kennt niemand von außen. Was der Markt am 6. August gemacht hat, war deshalb keine Bewertung des Unternehmens. Es war ein Test, wie viele Halter tatsächlich raus wollten. Die Antwort lautete an diesem Tag: weniger, als der Kurs vorher eingepreist hatte.

Der Grund, warum manche trotzdem verkaufen müssen

Es gibt eine Gruppe, für die diese Rechnung nicht gilt, und sie wird in der Berichterstattung fast immer übersehen: Mitarbeiter mit Anteilen aus Programmen, bei denen die Steuer nicht auf den Verkauf anfällt, sondern auf den Zeitpunkt, an dem die Anteile ihnen zufallen.

Wer in einer solchen Konstruktion steckt, bekommt eine Steuerforderung auf einen Wert, den er noch gar nicht in Geld gesehen hat. Bemessen wird sie am Kurs zum Zuteilungszeitpunkt. Fällt der Kurs danach, schrumpft der Erlös, die Steuerlast bleibt aber bei ihrem alten Wert stehen. In dieser Lage ist ein Verkauf keine Meinung über das Unternehmen, sondern eine Notwendigkeit, und er findet zu jedem Preis statt.

Genau deshalb ist der erste Handelstag nach einem Unlock oft der volatilste. Man sieht dort nicht die Überzeugungen der Beteiligten, sondern ihre Verpflichtungen. Wer daraus ein Urteil über das Unternehmen ableitet, verwechselt zwei völlig verschiedene Dinge.

Was das über private Bewertungen sagt

Jetzt zu dem Teil, der mich als Beteiligungsgeber wirklich beschäftigt, und der über SpaceX hinausgeht.

In der privaten Welt entsteht eine Bewertung dadurch, dass ein einzelner Investor bei einer bestimmten Summe zu einem bestimmten Anteil einsteigt. Aus diesen zwei Zahlen rechnet man eine Bewertung für das ganze Unternehmen hoch. Das ist eine nützliche Konvention, aber es ist eine Konvention. Sie sagt: Für dieses eine Prozent wurde dieser Preis gezahlt. Sie sagt nicht: Für alle hundert Prozent würde dieser Preis gezahlt.

Ein Börsengang ersetzt diese Konvention durch etwas Unbequemeres. Er fragt jeden Tag neu, was jemand für den nächsten Anteil zu zahlen bereit ist. Und der Ablauf einer Haltefrist ist der Moment, in dem diese Frage zum ersten Mal an alle gleichzeitig gestellt wird. Deshalb ist der Unlock-Tag der ehrlichste Tag im Leben einer frisch notierten Aktie. Er trennt den Preis, zu dem gekauft wurde, von dem Preis, zu dem verkauft wird.

Bei SpaceX sieht diese Trennung so aus: Eine Bewertung, die im privaten Markt monatelang mit über einer Billion US-Dollar gehandelt wurde, steht nach acht Wochen öffentlichen Handels bei einem Bruchteil des Junihochs. Das Unternehmen ist dasselbe. Die Raketen fliegen wie vorher. Was sich geändert hat, ist ausschließlich die Zahl der Menschen, die mitreden dürfen.

Warum ich als Holding anders draufschaue

Ich investiere über eine Holding mit eigenem Bilanzkapital, nicht aus einem Fonds mit Laufzeitende. Das klingt nach einem buchhalterischen Detail, ändert aber die Perspektive auf genau diesen Tag vollständig.

Ein Fonds hat einen Zeitpunkt, zu dem er liefern muss. Wenn die Frist läuft und der Kurs steht, wo er steht, ist das ein Problem mit Datum. Eine Holding hat dieses Datum nicht. Ich kann eine Beteiligung halten, weil das Geschäft funktioniert, und nicht verkaufen müssen, weil ein Zeitplan es verlangt. Das ist kein Verdienst, sondern eine Strukturentscheidung, und sie kostet auch etwas: Wer nie liefern muss, prüft sich selbst weniger streng.

Was ich aus dem 6. August für meine eigene Arbeit mitnehme, sind zwei Sätze. Erstens: Eine Bewertung auf dem Papier ist ein Angebot von gestern, kein Preis von heute. Zweitens: Wenn ich eine Beteiligung nur halten kann, solange niemand fragt, was sie wirklich wert ist, habe ich kein Investment, sondern eine Hoffnung. Beides klingt banal. Beides wird in Aufschwungphasen zuverlässig vergessen, und ich nehme mich davon nicht aus.

Was der nächste Prüfstein ist

Der 6. August war die erste Tranche. Nach den Unterlagen bei der Börsenaufsicht folgen weitere, und der Markt wird dieselbe Frage noch mehrmals stellen. Wer den Verlauf mitliest, sollte auf zwei Dinge achten und nicht auf die Schlagzeile.

Erstens das Handelsvolumen, nicht den Kurs. Ein Kursrückgang bei dünnem Volumen bedeutet etwas anderes als eine Seitwärtsbewegung bei sehr hohem Volumen. Im zweiten Fall wechseln große Bestände die Hand, ohne dass der Preis nachgibt, und das ist ein stärkeres Signal als jede Prozentzahl.

Zweitens, wer verkauft. Verkäufe von Führungskräften und größeren Anteilseignern werden bei der Börsenaufsicht gemeldet. Diese Meldungen sind langweiliger zu lesen als jeder Marktkommentar und deutlich aussagekräftiger.

Und wer die größere Linie sucht: Warum das gesamte Emissionsjahr 2026 trotz Rekordvolumen für viele Unternehmen kein offenes Fenster ist, schreibe ich in einem eigenen Beitrag auf. Warum ich Bewertungen generell für die unzuverlässigste Zahl in jeder Kapitalrunde halte, klingt in meinem Rückblick auf den Kryptomarkt an, im Beitrag Krypto 2026: Was nach der Euphorie wirklich bleibt.

Häufige Fragen

Was ist eine Lockup-Frist?

Eine vertragliche Zusage der Altaktionäre gegenüber den begleitenden Banken, ihre Anteile nach dem Börsengang für eine bestimmte Zeit nicht zu verkaufen. Üblich sind 90 bis 180 Tage. Ohne sie müsste der Markt beim Börsengang neue und alte Aktien gleichzeitig aufnehmen.

Wie viele SpaceX-Aktien wurden am 6. August 2026 frei?

Rund 911,5 Millionen Aktien, nach Marktwert etwa 100 Milliarden US-Dollar. Nach den Unterlagen bei der US-Börsenaufsicht können in den Tagen nach der Vorlage der Quartalszahlen bis zu 1,37 Milliarden Aktien zugänglich werden.

Ist der Kurs am Tag des Unlocks gefallen?

Nein. Die Aktie fiel im frühen Handel auf 105,11 US-Dollar, drehte und schloss bei 111,17 US-Dollar, ein Plus von 2,6 Prozent. Der Rückgang hatte in den Wochen davor stattgefunden: Vor dem Unlock notierte die Aktie mehr als die Hälfte unter dem Junihoch von 225,64 US-Dollar und rund 20 Prozent unter dem Ausgabepreis von 135 US-Dollar.

Warum fällt eine Aktie nicht automatisch, wenn eine Haltefrist ausläuft?

Weil handelbar zu sein und verkauft zu werden zwei verschiedene Dinge sind. Ob ein Halter verkauft, hängt vor allem von seinem Einstandspreis ab. Wer aus einer frühen Runde stammt, liegt auch nach einem Kursrückgang im Plus; wer nahe der öffentlichen Bewertung eingestiegen ist, würde mit Verlust verkaufen.

Was sagt der Vorgang über private Bewertungen?

Eine private Bewertung entsteht daraus, dass ein Investor für einen kleinen Anteil einen Preis zahlt, der dann auf das ganze Unternehmen hochgerechnet wird. Der Ablauf einer Haltefrist stellt zum ersten Mal allen Haltern gleichzeitig die Frage, zu welchem Preis sie verkaufen würden. Beide Zahlen können weit auseinanderliegen.

Dieser Text ist eine persönliche Einordnung und keine Anlageberatung. Er enthält keine Empfehlung, ein bestimmtes Wertpapier zu kaufen oder zu verkaufen.

Herzlich,
Euer Dennis Weidner

Aus unserem Ökosystem: Weidner & Friends. Unser Team in Berlin-Mitte unterstützt Unternehmen bei Strategie, Wachstum und Umsetzung. Zur Website →

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