Auf jeder Gründerbühne heißt es, Scheitern mache dich besser. Die belastbarste Untersuchung dazu findet zwischen gescheiterten Vorgründern und Erstgründern genau einen Prozentpunkt Unterschied. Was daraus für die eigene Jahresplanung folgt.
Der unangenehme Befund, mit dem ich anfange
Es gibt einen Satz, der auf jeder Gründerbühne gut ankommt: Scheitern mache dich besser. Ich habe ihn selbst geglaubt, und die belastbarste Untersuchung dazu widerspricht ihm deutlich.
Gompers, Kovner, Lerner und Scharfstein haben für das Journal of Financial Economics untersucht, wie sich frühere Ergebnisse eines Gründers auf seine nächste Gründung auswirken. Ihr Ergebnis, veröffentlicht 2010:
- Erstgründer haben eine Erfolgswahrscheinlichkeit von 21 Prozent
- Gründer, die zuvor gescheitert sind, kommen auf 22 Prozent
- Gründer, die zuvor erfolgreich waren, kommen auf 30 Prozent
Zwischen Erstgründung und gescheiterter Vorerfahrung liegt ein Prozentpunkt. Erfolg persistiert, Misserfolg lehrt in dieser Rechnung fast nichts.

Die Studie betrachtet risikokapitalfinanzierte Unternehmen in den USA, und „Erfolg" ist dort als Börsengang definiert. Ein profitables Unternehmen, das nie an die Börse geht, zählt in dieser Rechnung als Misserfolg. Die Arbeit ist von 2010. Beides ändert nichts an der Richtung, aber viel an der Reichweite.
Was die Studie für die Jahresplanung bedeutet
Wenn Erfahrung an sich so wenig trägt, dann liegt der Unterschied nicht in der Zahl der Versuche, sondern darin, was man aus einem Versuch mitnimmt. Die Studie legt selbst eine Erklärung nahe: Erfolgreiche Gründer wiederholen nicht ihr Produkt, sondern ihr Timing und ihre Branchenwahl. Sie treffen dieselbe Art von Entscheidung wieder richtig.
Für die Jahresplanung heißt das etwas sehr Konkretes. Die Frage ist nicht „Was nehme ich mir vor?", sondern „Unter welchen Bedingungen hat es bei mir funktioniert, und stelle ich die gerade wieder her?" Das erste ist eine Absichtserklärung, das zweite eine überprüfbare Aussage.
Ich baue meine Jahresplanung deshalb aus vier Schritten, und der erste ist der, den fast alle überspringen.
Erstens: den alten Plan aufmachen, bevor der neue entsteht
Die meisten Jahrespläne entstehen auf einem leeren Blatt, und darin liegt der Fehler. Ein Plan, den niemand je gegen die Wirklichkeit hält, kostet nichts und bringt nichts, und man merkt es nicht, weil man ihn nie wieder liest.
Ich fange deshalb mit dem Vorjahresplan an und gehe ihn Zeile für Zeile durch, mit nur drei möglichen Antworten: gemacht, nicht gemacht, oder bewusst verworfen. Interessant ist nur die mittlere Kategorie. Was ich mir vorgenommen und dann weder gemacht noch bewusst verworfen habe, ist der eigentliche Befund des Jahres.
Bei mir sind das fast immer dieselben Sorten von Vorhaben: solche ohne Termin, solche ohne benannte Person und solche, die von einer Entscheidung abhingen, die jemand anderes treffen musste. Wenn dieselbe Sorte zum zweiten Mal auf der Liste steht, ist das keine Fleißfrage, sondern ein Konstruktionsfehler im Vorhaben selbst.
Zweitens: Aufmerksamkeit verteilen, nicht Zeit
Ich bin an mehreren Unternehmen beteiligt, unter anderem über meine Holding Weidner Ventures, dazu der agentisch aufgebaute Venture Builder The Agentics und die Live-Commerce-Plattform Slabhit. Die naheliegende Planungsfrage lautet, wie man die Woche aufteilt. Ich halte sie für die falsche.
Zeit ist teilbar, Aufmerksamkeit nicht. Ein Unternehmen braucht in einem bestimmten Quartal keine gleichmäßige Zuwendung, sondern eine bestimmte Entscheidung, und die kann oft nur eine Person treffen. Die Planungsfrage lautet deshalb: Welche Entscheidung steht in welchem Unternehmen an, die niemand außer mir treffen kann? Alles andere ist delegierbar, und wenn es das nicht ist, ist das der eigentliche Befund.
Das führt zu einer ungleichmäßigen Verteilung, und das ist Absicht. Ein Unternehmen bekommt in einem Quartal viel und im nächsten fast nichts. Wer stattdessen jedem Vorhaben jede Woche eine Scheibe gibt, verteilt seine Aufmerksamkeit so dünn, dass nirgends etwas entschieden wird.
Drittens: die Streichliste vor die Vorhabenliste
Jeder Plan, den ich je gemacht habe, war zu lang. Das liegt nicht an Ehrgeiz, sondern daran, dass Hinzufügen billig ist und Weglassen wehtut. Ein Vorhaben zu streichen heißt zuzugeben, dass man sich im Vorjahr getäuscht hat.
Ich schreibe deshalb zuerst auf, was ich nicht mehr mache, und erst danach, was dazukommt. Die Regel dabei ist schlicht: Für jedes neue Vorhaben fällt eines weg. Nicht, weil die Zahl heilig wäre, sondern weil der Zwang die Frage erzwingt, welches der bestehenden Vorhaben eigentlich schwächer ist als das neue. Diese Frage stellt sich sonst nie.
Am schwersten fallen dabei die Vorhaben, die nicht scheitern, sondern nur nicht wachsen. Ein klar gescheitertes Projekt beendet sich von selbst. Eines, das jedes Jahr ein bisschen läuft, überlebt jede Planung, weil es nie schlecht genug ist, um aufzufallen.
Viertens: jede Absicht bekommt eine Zahl, die falsch sein kann
Das ist der Schritt, der aus einer Absichtserklärung eine Planung macht. Zu jedem Vorhaben schreibe ich eine Vorhersage auf, die sich am Jahresende eindeutig als richtig oder falsch erweisen lässt, mit Datum und Wert.
„Slabhit soll wachsen" ist keine Planung. „Bis zum 30. Juni laufen zwölf Sendungen pro Woche" ist eine, weil man am 1. Juli nachsehen kann. Der Wert der Zahl liegt nicht in ihrer Genauigkeit, sondern darin, dass sie widerlegbar ist. Eine Absicht, die man nicht verfehlen kann, hat man sich nicht vorgenommen, sondern gewünscht.
Dasselbe gilt für die Annahmen darunter. Zu jedem größeren Vorhaben notiere ich einen Satz, der es umwerfen würde: die Bedingung, unter der ich es abbreche. Wer diesen Satz nicht formulieren kann, hat kein Vorhaben, sondern eine Überzeugung.
Über das, was ich dabei im Maschinenraum lerne, schreibe ich fortlaufend auf der Seite zu KI im Gründeralltag.
Häufige Fragen
Macht Scheitern Gründer wirklich besser?
Die Daten geben das kaum her. Gompers, Kovner, Lerner und Scharfstein fanden 2010 für zuvor gescheiterte Gründer eine Erfolgswahrscheinlichkeit von 22 Prozent gegenüber 21 Prozent bei Erstgründern, also einen Prozentpunkt. Zuvor erfolgreiche Gründer kamen dagegen auf 30 Prozent. Erfolg persistiert also deutlich stärker, als Misserfolg lehrt.
Wie ist „Erfolg" in dieser Studie definiert?
Als Börsengang. Untersucht wurden risikokapitalfinanzierte Unternehmen in den USA. Ein profitables Unternehmen, das nie an die Börse geht, zählt in dieser Rechnung als Misserfolg. Wer die Zahlen zitiert, sollte diese Definition mitliefern, sonst wird aus einer engen Aussage eine allgemeine.
Womit sollte eine Jahresplanung anfangen?
Mit dem Plan des Vorjahres, nicht mit einem leeren Blatt. Jede Zeile bekommt eine von drei Antworten: gemacht, nicht gemacht, bewusst verworfen. Aufschlussreich ist die mittlere Kategorie, denn was man sich vorgenommen und dann weder gemacht noch bewusst verworfen hat, ist der eigentliche Befund des Jahres.
Wie verteilt man Aufmerksamkeit auf mehrere Unternehmen?
Ungleichmäßig, und zwar mit Absicht. Zeit ist teilbar, Aufmerksamkeit nicht. Die nützlichere Frage lautet nicht, wie die Woche aufgeteilt wird, sondern welche Entscheidung in welchem Unternehmen ansteht, die niemand außer einem selbst treffen kann. Alles andere ist delegierbar, und wo es das nicht ist, liegt der eigentliche Befund.
Warum eine Streichliste vor der Vorhabenliste?
Weil Hinzufügen billig ist und Weglassen wehtut. Für jedes neue Vorhaben fällt eines weg, nicht weil die Zahl heilig wäre, sondern weil der Zwang die Frage erzwingt, welches bestehende Vorhaben schwächer ist als das neue. Am hartnäckigsten sind dabei Projekte, die nicht scheitern, sondern nur nicht wachsen: Sie überleben jede Planung, weil sie nie schlecht genug sind, um aufzufallen.
Was unterscheidet eine Planung von einer Absichtserklärung?
Die Widerlegbarkeit. Zu jedem Vorhaben gehört eine Vorhersage mit Datum und Wert, die sich am Jahresende eindeutig als richtig oder falsch erweisen lässt, dazu ein Satz, der das Vorhaben umwerfen würde. Eine Absicht, die man nicht verfehlen kann, hat man sich nicht vorgenommen, sondern gewünscht.
Herzlich,
Euer Dennis Weidner
Hinweis: Beim Schreiben dieses Beitrags haben mich KI-Werkzeuge unterstützt, einzelne Bilder sind mit KI bearbeitet. Für Inhalt und Aussagen stehe ich mit meinem Namen.




