Über dynamische Stromtarife reden inzwischen alle. Über den zweitgrößten Posten auf deiner Stromrechnung redet fast niemand. Dabei hat die Bundesnetzagentur dort seit April 2025 einen Hebel scharf gestellt, den kaum jemand kennt: das zeitvariable Netzentgelt. Wer eine Wärmepumpe, eine Wallbox oder einen Heimspeicher betreibt, kann damit selbst mitbestimmen, was der Transport seines Stroms kostet. Und genau deshalb finde ich das Thema spannender als die zwanzigste Tarifvergleichs-App.
Der Posten, den fast niemand auf dem Zettel hat
Wenn du auf deine Stromrechnung schaust, zahlst du nicht nur für die Kilowattstunde selbst. Du zahlst auch für das Netz, das sie zu dir bringt: Leitungen, Umspannwerke, Messstellen, Wartung. Dieser Anteil heißt Netzentgelt. In der Größenordnung reden wir über ein Viertel bis knapp ein Drittel des Haushaltsstrompreises, also grob zehn Cent je Kilowattstunde, je nach Netzgebiet mit erheblichen regionalen Unterschieden.
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Bisher war dieser Posten für dich ein Fixum. Du konntest den Stromlieferanten wechseln, aber nicht den Netzbetreiber. Das Netzentgelt kam einfach oben drauf, unabhängig davon, wann du verbrauchst. Genau diese Logik bricht gerade auf. Die Bundesnetzagentur baut die Netzkostenverteilung seit Jahren um, und ein Teil dieses Umbaus gibt dir zum ersten Mal Einfluss auf den eigenen Netzentgelt-Anteil.
Was § 14a EnWG wirklich regelt
Die rechtliche Grundlage ist § 14a EnWG. Der Deal dahinter ist im Kern simpel und ziemlich fair: Du hast ein großes, steuerbares Gerät im Haus, der Netzbetreiber darf es in seltenen Engpasssituationen kurzzeitig in der Leistung drosseln, und im Gegenzug zahlst du weniger Netzentgelt.
Betroffen sind Geräte ab 4,2 Kilowatt Anschlussleistung, die im Niederspannungsnetz hängen. Also praktisch: private Ladepunkte für E-Autos, Wärmepumpen inklusive Heizstäbe, und Anlagen zur Speicherung elektrischer Energie. Wer so ein Gerät seit dem 1. Januar 2024 in Betrieb genommen hat, fällt automatisch darunter. Die Bundesnetzagentur unterscheidet dabei drei Module.
Modul 1 ist der pauschale Rabatt. Ein fester Betrag pro Jahr, je nach Netzgebiet in der Größenordnung von 110 bis 190 Euro. Das ist die Standardvariante, wenn du nichts anderes wählst.
Modul 2 senkt den Netzentgelt-Arbeitspreis auf 40 Prozent, dafür brauchst du aber einen separaten Zähler nur für das steuerbare Gerät. Der Grundpreis für diesen Zähler entfällt. Für Wärmepumpen mit hohem Jahresverbrauch ist das oft die stärkere Variante.
Modul 3 ist das eigentlich Neue. Es kommt zusätzlich zu Modul 1 und macht das Netzentgelt zeitabhängig.
Modul 3: das zeitvariable Netzentgelt im Detail
Seit dem 1. April 2025 müssen Verteilnetzbetreiber ein Netzentgelt mit drei Tarifstufen anbieten. Eine Hochlaststufe, eine Standardstufe und eine Niedriglaststufe. Die Standardstufe entspricht ungefähr dem, was du heute zahlst, die Niedriglaststufe liegt darunter, die Hochlaststufe darüber.
Der entscheidende Unterschied zum dynamischen Stromtarif: Diese Zeitfenster sind nicht dynamisch, sondern statisch. Der Netzbetreiber legt sie einmal für das ganze Jahr fest, sie wiederholen sich täglich und stehen vorab im Preisblatt. Du weißt also im Januar schon, dass zum Beispiel die Stunden zwischen 17 und 20 Uhr teuer sind und die Nacht billig. Das ist weniger elegant als ein Börsenpreis, hat aber einen praktischen Vorteil: Du programmierst deine Wallbox einmal und musst nie wieder hinschauen.
Voraussetzung ist ein intelligentes Messsystem, das deinen Verbrauch stundenscharf erfasst. Ohne diese Messung lässt sich zeitabhängig nicht abrechnen. Wie der Rollout dieser Zähler gerade läuft und was das für dich bedeutet, habe ich in Smart-Meter-Pflicht 2026 aufgeschrieben.
Die ehrliche Rechnung
Jetzt zum interessanten Teil, und der ist zweischneidig. Die Spreizung zwischen Hoch- und Niedriglaststufe ist nämlich nicht bundeseinheitlich, sondern wird von jedem Netzbetreiber selbst festgelegt. Und die Unterschiede sind gewaltig. Eine Auswertung der Fachzeitschrift zfk zeigt Spannen zwischen Hoch- und Niedrigtarif, die je nach Netzgebiet von unter einem halben Cent bis über 22 Cent je Kilowattstunde reichen. Bei einer Wärmepumpe mit 3.000 Kilowattstunden Jahresverbrauch summiert sich das über die Netzgebiete hinweg auf Unterschiede von mehreren hundert Euro im Jahr.
Rechne es selbst durch, das geht auf einem Bierdeckel. Nimm deinen flexiblen Jahresverbrauch, also E-Auto plus Wärmepumpe plus Speicherladung. Sagen wir 5.000 Kilowattstunden. Schätze, welchen Anteil davon du realistisch in die Niedriglaststufe schieben kannst, bei einem Auto, das nachts steht, sind 80 Prozent nicht unrealistisch. Multipliziere diese Kilowattstunden mit der Differenz zwischen Standard- und Niedriglaststufe aus dem Preisblatt deines Netzbetreibers. Wenn dort drei Cent stehen, sind das 120 Euro im Jahr. Wenn dort ein halber Cent steht, sind es zwanzig Euro, und dann lohnt der Aufwand nicht.
Die zweite ehrliche Einordnung: Das Angebot existiert vielerorts noch gar nicht. Mehr als ein Jahr nach der gesetzlichen Frist hatten laut zfk-Recherche nur 14 von 169 untersuchten Verteilnetzbetreibern Modul 3 tatsächlich buchbar gemacht. Die Bundesnetzagentur hat deshalb im Mai 2026 Zwangsgelder angedroht und den ersten Netzbetreibern eine Frist bis zum 30. September 2026 gesetzt. Das ist der eigentliche Grund, warum das Thema so wenig Aufmerksamkeit bekommt. Es ist ein Frühmover-Thema, weil die Infrastruktur hinterherhinkt.
Warum erst die Kombination zündet
Hier kommt der Punkt, den ich für den wichtigsten halte. Ein zeitvariables Netzentgelt allein bringt dir wenig. Ein dynamischer Stromtarif allein auch nur begrenzt. Erst zusammen ergeben sie ein sauberes Preissignal über die volle Rechnung, Energie und Netz.
Und es gibt einen Haken, über den kaum jemand spricht: Die Zeitfenster des Netzbetreibers und die Börsenpreise laufen nicht synchron. Die zfk-Auswertung findet zwischen Netzentgelt-Signal und Börsenpreis im Median nur eine Korrelation von 0,22, also fast keinen Zusammenhang. Es kann dir also passieren, dass die Börse gerade billig ist, weil die Sonne scheint, das Netzentgelt aber in der Hochlaststufe liegt. Wer nur auf eine der beiden Kurven schaut, optimiert am eigenen Geldbeutel vorbei.
Genau deshalb bin ich bei diesem Thema so hartnäckig: Die Aufgabe ist nicht mehr menschlich lösbar. Niemand rechnet stündlich zwei Preiskurven gegeneinander. Ein Energiemanagementsystem oder ein guter Heimspeicher macht das im Hintergrund. Warum Speicher der eigentliche Schlüssel sind, habe ich unter BESS und Energiespeicher ausführlich beschrieben. Und wie die Marktseite funktioniert, steht in meinem Text zum dynamischen Stromtarif 2026.
Für wen sich das lohnt, für wen nicht
Klare Ansage. Es lohnt sich, wenn du mindestens ein großes steuerbares Gerät hast, wenn dein Netzbetreiber Modul 3 überhaupt anbietet, wenn die Spreizung im Preisblatt mehr als ein bis zwei Cent beträgt und wenn du eine Steuerung hast, die das automatisch fährt. Sind alle vier Punkte erfüllt, ist das eine der wenigen Maßnahmen, die dauerhaft und ohne Verhaltensänderung wirkt.
Es lohnt sich nicht, wenn du in einer Wohnung ohne Wärmepumpe, ohne E-Auto und ohne Speicher lebst. Dann bist du von § 14a gar nicht betroffen, und alles, was du liest, gilt für dich schlicht nicht. Es lohnt sich auch nicht, wenn du jedes Gerät von Hand einschalten müsstest. Nachtladen per Kalendererinnerung hält niemand drei Monate durch.
Mein Rat: Such dir das Preisblatt deines Netzbetreibers für 2026 heraus, schau nach, ob dort drei Tarifstufen stehen, und rechne die Differenz mal deinen flexiblen Verbrauch. Fünf Minuten Arbeit. Danach weißt du, ob du es dieses Jahr angehst oder noch wartest. Beides ist legitim, aber die Antwort sollte auf einer Zahl beruhen und nicht auf einem Bauchgefühl.
Häufige Fragen
Was sind dynamische Netzentgelte?
Gemeint ist meist das zeitvariable Netzentgelt nach § 14a EnWG, das sogenannte Modul 3. Statt eines festen Netzentgelts gibt es drei Tarifstufen für Hochlast, Standardlast und Niedriglast. Die Zeitfenster legt dein Verteilnetzbetreiber einmal jährlich fest, sie sind also planbar und nicht stündlich schwankend.
Wer kann das zeitvariable Netzentgelt nutzen?
Haushalte mit einer steuerbaren Verbrauchseinrichtung ab 4,2 Kilowatt, also Wallbox, Wärmepumpe oder Batteriespeicher, und mit einem intelligenten Messsystem. Modul 3 gibt es nur zusätzlich zum pauschalen Rabatt aus Modul 1, nicht als Ersatz.
Wie viel spart man mit dynamischen Netzentgelten?
Das hängt fast vollständig vom Netzgebiet ab, weil jeder Netzbetreiber die Spreizung selbst festlegt. Die Spannen zwischen Hoch- und Niedriglaststufe reichen von unter einem halben Cent bis über 22 Cent je Kilowattstunde. Rechne deine verschiebbaren Kilowattstunden mal der Differenz aus dem Preisblatt, das ist die einzig belastbare Zahl.
Brauche ich zusätzlich einen dynamischen Stromtarif?
Für den vollen Effekt ja. Netzentgelt und Börsenpreis sind zwei getrennte Bestandteile der Rechnung und laufen zeitlich oft nicht synchron. Wer nur eines von beiden optimiert, lässt einen Teil des Vorteils liegen oder verschiebt Verbrauch sogar in die falsche Stunde.
Herzlich,
Euer Dennis Weidner





